silviapopp
rocks
Schreibkollektion


Hier ist es, das stetig wachsende Wortwerk von Silvia Popp. Auch sie ist gerne in Bewegung, bereist am liebsten im Speisewagen und gehend die Landschaft. Das Skizzenbuch sowie der vierfarbige Kugelschreiber immer mit dabei. Sie steht auf Überraschungen, mag keine Zwiebeln und Routine. Aufgeräumt fängt bei ihr jeder ausgeschlafene Tag an und endet mit brillantem Kopfkissenkino. Dazwischen versteckt sich viel Platz für Gedanken, Taten und Worte.

Vorstellung der Nichtsee

der Wind lüftet die Haare
die Sonne wärmt die Handrücken
der Regen durchnässt die Jacke
die Erde haftet an den Schuhen
nicht

See
die Fasern
nun vollgesogen
wringe ich
die Spuren aus

In meiner Phantasie konnte ich rücksichtslos und erfinderisch Selbstbestimmen. Ich wollte erobern, oben auf sein. Ich bestieg den höchsten Turm der Welt, ein ineinandergeschobener gigantischer Holzstapel. Er konnte von überall aus gesehen werden und ich konnte die ganze Welt beobachten.
In einem selbstgebauten U-Boot tauchte ich als Reiseleiterin mit allen Freunden durch gefährliche Unterwasserschluchten, zeigte Riesentintenfische, orange-leuchtende Seepferdchen und vermeintlich nie gesehene Quadratfische mit Antennen. In einem Helikopter überquerten wir die höchsten Eisberge, die Bären winkten uns von der Spitze mit einem Felltaschentuch zu, bis wir am Horizont verschwanden.
Ich wusste als einzige immer den Weg. Ich war mittendrin und träumte mich an die Orte, die ich mir vorstellte. Meine Einbildungskraft war eingefärbt von Actionserien und Filme mit ferngesteuerten Autos, fliegenden Anzügen und scheinbar unverwundbaren Menschen, die an die exotischsten Orte reisen konnten. Auch eine auf dem Besen reitende Hexe kam vor.
Als ich mit elf Jahren den ersten eigenen neonleuchtgelben Wohnungsschlüssel erhielt, öffneten sich mir völlig neue Wege. Ich konnte gehen und kommen, wann ich wollte. Die bisherigen Tragträumereien verlagerten sich in den realen Raum. Dort draussen habe ich mir im Dorfbach die erste und bisher einzige Scherbe in den Fuss gerammt, im Wald Hütten aus Ästen und Laub gebaut, auf Nachtwanderungen durch die leeren Strassen zum ersten Mal einen Stadtfuchs entdeckt.


Schreibprojekt 'ich gehe mich'- Lehrgang literarisches Schreiben, Volkshochschule Zürich, 2022

Videoaufnahme der Lesung an der Finissage, 29.10.22

Ich gehe mich.

ich lege mich
nicht
ich lege mich nicht gerne
fest
standhaft
bin ich schon eher
gehen
das bewegt mich


wird das Laufen mich erfüllen
oder werde ich ein Stück leichter


Schreibprojekt 'ich gehe mich' - Lehrgang literarisches Schreiben, Volkshochschule Zürich, 2022

Hauptsache weg

Hügel,
Wälder,
krumme Gassen,

Hügel, Wälder, Hügel,
krumme Gassen,
Wälder,

krumme Wälder,
Hügel, krumme Hügel,
Gassen, Gassen,
Gassen,

bloss nicht immer gleich.

Vergesse mich,
an ausgefransten Orten.
Ausgefranst an Orten.

Laufe mir davon,
da bin ich zuhause.


Schreibprojekt 'ich gehe mich' - Lehrgang literarisches Schreiben, Volkshochschule Zürich, 2022

Ins Blaue

Ortsnamen,
aussergewöhnlich, geheimnisvoll.
Zwischen grünen Flächen und blauen Linien,
fahren die Finger der Strasse entlang,
vergrössern den Ausschnitt, wollen verorten.
Wie es wohl im Paradies aussieht
oder in der Déchetterie?

Schreibprojekt 'ich gehe mich' - Lehrgang literarisches Schreiben, Volkshochschule Zürich, 2022

Verorten

kühle Luft windet sich durch das Geäst
durch feine Lücken rinnen Regentropfen
keimende Gefühle erkunden ihre Umgebung
Gedanken fetzen, lassen sich auf Blättern nieder


Schreibprojekt 'ich gehe mich' - Lehrgang literarisches Schreiben, Volkshochschule Zürich, 2022

Ä Mikrobegägnig

Hütt zuefellig d'M. im Zug troffe.
"Warum bisch du amene Mäntigmorgen schon so früeh uf dä Bei?"
"Ich gang mich."
"Jäso. Häsch ä Gais debi?"
"Nein, sötti?"
"Ja, sechs behaarti Bei tönet besser als zwei."


Schreibprojekt 'ich gehe mich' - Lehrgang literarisches Schreiben, Volkshochschule Zürich, 2022

Im Transit

Ich sitze zuhause auf einem Stuhl am offenen Fenster und blicke durch das rechteckige Tor zur gegenüberliegenden Bushaltestelle. Dabei stütze ich meine Arme auf ein Kissen. Neben mir steht ein Kanne voll selbstgemachter Ingwerlimonade. Ab und ab trinke ich auch etwas Stärkeres in ähnlicher Farbe.
Ich schaue auf die Wartenden, bin selbst eine. Der Bus schiebt sich vor meine Sicht und neue Personen steigen aus, Wartende steigen zu. Zu Beginn ist es ein Gewusel, aber je länger ich die Szenerie beobachte, umso mehr entdecke ich. Da ist dieses ältere Paar, es steht vor dem Fahrplan und studiert Zeile für Zeile, diskutiert und weicht dabei keinen Zentimeter vom Plan ab. Die Frau dreht sich nach einer Weile um, denn eine betagte Dame möchte einen Blick auf die Angaben werfen. Der Mann gestikuliert weiterhin wie wild. Die Oma dahinter stellt sich auf die Zehenspitzen und versucht zwischen den Beiden hindurch zu sehen.
Gleichzeitig brüllt auf der einen Seite des Wartehäuschen ein Anzugmann konstant ins Telefon, während auf der anderen Seite eine ziemlich alkoholisierte Frau eine unschöne Episode ihres Lebens immer und immer wieder in ihr Telefon beichtet. Was würde wohl passieren, wenn ich den Beiden die Telefone vertauschen würde?
Ein Gruppe Schulkinder steht kichernd vor der Haltestelle, beklebt den Mülleimer mit rosaroten Bazooka-Kaugummis. Dahinter sitzt ein rothaariger Mann im Karohemd auf der Bank und lackiert sich pfeifend seine Fingernägel. Ich überlege mir meine mal wieder zu schneiden und allenfalls pink anzumalen. Aber da stimmt ein pickeliger bleichgesichtiger Jugendlicher im perfekten Italienisch eine Arie aus La Fanciulla del West an. Der Anzugmann und die angetrunkene Frau fangen an mit Wasserfarben eine abgefahrene Mondlandschaft auf die Glasscheiben der Haltestelle zu malen. Das ältere Ehepaar steigt daraufhin auf die Bank und legt einen veritablen rocknroll-Tanz hin. Und die blümchenkleidgedauerwellte Oma macht mit Schwung einen Handstand und bindet sich dabei noch die Schuhe.
In solchen Momenten packt es mich. Ich steige aus dem Fenster und geselle mich zu den Wartenden. Tröste verständnisvoll die Busverpasser:innen, gebe grosszügig und blumig Auskunft zur Wandmalerei, erzähle den kichernden Schulkindern meine Lieblingswitze und pfeife im Schneidersitz ein frei erfundenes Medley für die Rocknroller:innen. Die Zeit vergeht wie im Fluge. Die letzten Wartenden sind in der Zwischenzeit in den Bus eingestiegen, der Mülleimer ist voll, die Bank verweist. Feierabend. Ich berühre den Schriftzug der Haltestelle, Paradies, und überquere langsam die Strasse, zu dem eingerahmten Blick auf mich.


Schreibprojekt 'ich gehe mich' - Lehrgang literarisches Schreiben, Volkshochschule Zürich, 2022

In Transpirierien

ichichichichich
es klebt mir fest aneinander
biete dir keinen Platz an

wir sitzen
bereits in den Ritzen
und schwitzen

bei der erstbesten Gelegenheit
fliegen wir wahnsinnig weit
landen in Transpirierien
wo Gummiarme und Schlotterbeine
fürwahr nun ganz die deine


Aus der Übung: Ecriture Automatique trifft experimentelles Schreiben und Lyrik - Lehrgang literarisches Schreiben, Volkshochschule Zürich, 2022

Ich bin die Sonne


Collage aus Tages Anzeiger-Magazinen, Corona-Isolation inspiriert, 2022

unerhört

einfauchen ins miefe schlau
sich davon fragen lassen
tiefen fuhren meiden den steg
drüben blüht der hunger
die luft reist aufgeladen
bis ich sink synchron


Experimentelles Schreiben - Lehrgang literarisches Schreiben, Volkshochschule Zürich, 2021

singende olfaktorische Sicherheit

Ich brach die erste lange Sicherheit nach Beruhigung mit meiner tiefen Freude ein, einer mango-orangen Vertrautheit, ganz frisch ab der Freiheit. Eine Persönlichkeit verschwand neben mir, ich an der Zugehörigkeit sitzend und zauberte mich nach ihrer ersten Vergänglichkeit vor der Wende. Da reiste sie mir was voraus, ich spionierte erst 1990 mit meinem Unterwegssein von der Heimat nach Gegenwart. Eine olfaktorische Sicherheit, die mit mir sang, war die faulige Beruhigung der Vertrautheit. Ich atmete mir damals in meiner jungen Freiheit, und so schlief also die Persönlichkeit. Aber wahrscheinlich träumte sich an dieser Vergänglichkeit einfach das Unterwegssein kaputt. Wir hüpften uns weiter über unsere Heimat, die ganze Schönheit lang. Es pausierte sich bestens im Unterwegs. Jetzt, mit der vorbeiziehenden Gegenwart, sinniert nun auch die Sicherheit. Ich breche hierfür keine Beruhigung mehr ein, aber in der hohen Freude verschwindet es sich auch ganz gut.


Aus der Übung: Nomen und Verben ersetzen
Experimentelles Schreiben - Lehrgang literarisches Schreiben, Volkshochschule Zürich, 2021

Was wohl die Mariendistel über sich berichtet?

sily|bum maria|num
nennt man mich.
Sil(l)y bin ich manchmal,
wenn niemand hinhört,
stelle ich den Leuten ein Bein,
dann bum(st) es…
gar nicht maria(like).
Num(mer) eins bin ich dennoch,
ich wachse immer öfters über mich hinaus.
Kann ich allen nur empfehlen.


‘Gehen Schreiben - Peripatetik', Sommerakademie 2020, Volkshochschule Zürich